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Interpretation und Kommunikation

author: www-data

Frei nach von Glasersfeld, "Über den Begriff der Interpretation", werde ich eine etwas bildlichere Darstellung eines netten Gedankenganges äußern, den man im Kern zusammenfassen kann mit:

Bedeutungen müssen bei der Kommunikation zwischen Individuen nicht deckungsgleich sein, sondern lediglich kompatibel.

Wenn ich etwas interpretiere, führe ich eine Transformation durch, in der ein Stimulus in Übereinstimmung mit dem eigenen Modell der Welt gebracht wird. Wir schreiben Y = S(X), das Subjekt S interpretiert den Stimulus X und erhält dafür Y, das Interpretationsergebnis. Denken wir uns jetzt noch einen Autor A, der die Nachricht M für S erzeugt hat. Schreibt man das so formal, würde jetzt jeder auf die Idee kommen, dass Y = M. Allerdings: Y befindet sich ausschließlich im Kopf von S und M ausschließlich im Kopf von A. Es gibt also gar keine Möglichkeit, die beiden auf Gleichheit zu prüfen! Jeder Anspruch auf die Aussage, eine Interpretation wäre richtig oder falsch (zumindest ohne eine unendlich lange Diskussion zwischen S und A über ihre Welt) ist damit vollends hinfällig. Praxisbeispiel: Deutschunterricht.

Interessanterweise können wir aber trotzdem noch über die Welt reden, obwohl Kommunikation zwischen zwei Personen nicht auf einer deckungsgleichen Weltsicht beruht. Warum? Dies kann man sich einigermaßen physisch vorstellen. Ich habe hier mal eine Miniaturwelt mit sechs Fakten, Gegenständen, Naturgesetzen, ... geschaffen, die wie auch immer für uns Außenstehende vollständig erkennbar sein soll:

[World]

Nun könnte man einfordern, jeder hat eine vollumfassende Theorie von allem:

[Model of everything]

Dies ist aber gar nicht nötig (und wahrscheinlich gar nicht möglich)! Ich muss niemals die exakten Grenzen um (in der Erfahrung) als real gesehene Elemente der Realität ziehen, es reicht, sie zu unterscheiden. Die Grenzziehungen von S könnten nun so aussehen (unter Unwissenheit der zwei rechten Elemente):

[Model of S]

Die Grenzziehung von A hingegen könnte so aussehen (unter Unwissenheit der zwei linken Elemente):

[Model of A]

Und immer noch könnten beide mit voller Kenntnis, was gemeint ist, über die beiden mittleren Elemente sprechen.

Lektion:

  • Um Kommunikation passabel ablaufen zu lassen, müssen die Kommunikationspartner zwei ausreichend kompatible Modelle der Realität besitzen.
  • Übereinstimmende, d.h. identische Modelle der Realität sind nicht notwendig (selbst wenn möglich).
  • Es gibt keine korrekten Interpretationen, nur mehr oder weniger wahrscheinliche.
  • Der Begriff der "Wahrheit" ist höchst problematisch, da (vgl. Piaget und von Förster) niemand die Realität per se wahrnimmt und somit keiner für sich beanspruchen kann, ein autoritatives Modell der Realität zu besitzen, welches anderen Modellen anderer Menschen überlegen wäre.

2009-03-22 11:41 | www-data.blog20090322@rootshell.ro | [/ideas/epistemology] | permanent link


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