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Datensammler sind Verbrecher

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Blog Reading HOWTO

author: www-data

Ich hatte gestern ein leicht erhellendes Erlebnis. Ich habe mich mit einem ziemlich intelligenten jungen Menschen unterhalten, der im Wesentlichen frisch von der Schulbank kam. Er macht Zivildienst zur Zeit, ist bald fertig, möchte anschließend studieren.

Das ursprüngliche Thema spielt keine Rolle (es hat dann irgendwann in die Wirtschaftskrise gemündet, wie zur Zeit so ziemlich jede zweite Diskussion nach ein Paar Bier spät abends ;) Was eine Rolle spielt ist allerdings folgende Tatsache: ich hatte das gefühl, er hatte keine Ahnung, wie man Blogs liest. Daher also dieses Howto :)

Der Zusammenhang

Ich hatte mal provokant irgendwann im Laufe des Abends behauptet, der Euro würde im Laufe dieses Jahres eine Hyperinflation erleben. Von dort aus ging es darüber, wie ich darauf käme und warum das Unsinn sei, die Krise sei gar keine, schließich in etwa über zu der Aussage "du musst mehr querlesen, nicht nur die Tagespresse" von meiner Seite aus. Die Gegenseite: "Welches Medium denn?". Ich "Internet". Gegenseite (sinngemäß): "Ich lese doch schon Spiegel Online, und [dieunddieunddie on-line-Ausgabe von dieser und jener 'etablierten' Zeitung], also habe ich doch einen recht breiten Standpunkt und eine gute Übersicht aus vielen unterschiedlichen Blickwinkel -- oder meinst du etwas irgendwelche [seltsamen / abstrusen / abgedrehten / verschwörungstheoretischen ] Blogs?" (Ich kann mich an dem Adjektiv, den er verwendet hat, nicht mehr genau erinnern; was ich in den eckigen Klammern geschrieben habe ist aber das, was er gemeint hatte.)

Lassen wir erstmal den Gedanken beiseite, ob ich mit meiner Euro-Katastrophe Recht hatte oder auch nicht. Das ist nicht der zentrale Punkt hier, das ist nur der Aufhänger.

Das Wichtige kam mir erst später: er meinte "abgedrehte Blogs" nicht im Sinne von "diejenigen Blogs, die abgedreht sind", sondern er meinte damit "alle Blogs, weil sie ja prinzipiell abgedreht sind" Er vertrat unterschwellig die Meinung, dass man -- wenn man sich sinnvollerweise Informationen holen möchte, man sich tatsächlich an eine um Objektivität bemühte Tagespresse zu halten habe, sonst nichts.

Und dann kam mir die Frage auf: wieviele Menschen denken denn wohl auch noch so? Ist das ein Effekt von zu viel Gymnasial-Sozialkundeunterricht? Ist das mangelnde Erfahrung? Oder ist das schlichtweg eine breit vertretene Meinung? Deshalb:

How to Read Rlogs

Teil 1: Die Presse

Zunächst: die Presse ist (war?) da für die tägliche Informationsaufnahme. Die Prese sollte Bericht erstatten -- daher auch der Begriff "Berichterstattung". Sie sollte Geschehenes wiedergeben, und zwar in einer möglichst unvoreingenommenen, reinen, gar kühlen Art und Weise.

Dann kommt die Analyse, die Kolumne oder der Artikel: anders als ein Zeitungs-Bericht, ist ein Artikel etwas, das keinen vollständigen Anspruch auf Objektivität mehr hat. Ich bin mir nicht sicher, wie an dieser Stelle die Presse von sich selbst denkt. Aber in meinen Augen gibt es nach der Berichterstattung zwei Ebenen: die Erörterungs- und die Meinungsebene. Diese vermitteln Information in einer weniger "reinen" Art und Weise als die Berichterstattung, haben aber einen höheren Unterhaltungswert, und verhelfen vielleicht etwas konkreter zu einer (politischen oder sonstwie gearteten) Meinungsbildung.

Die Erörterungsebene ist hauptsächlich das, was unter den Zeitungen die Spreu vom Weizen trennt. Warum? Hier findet der Übergang statt von um Objektivität bemühte Berichterstattung zur gezielten Kolumne, zum Meinungsausdruck, zum gutbürgerlichen Rant, wenn man so will. Das wesentliche Merkmal dieser Ebene ist, dass man hier sehr viel falsch und sehr wenig richtig machen kann, denn:

  • entweder möchte man gerne objektiv bleiben, einen bestimmten Sachverhalt sowohl von links als auch von rechts beleuchten, analysieren, und zur Meinungsbildung seiner Leser beitragen, ohne aber suggestiv zu werden. In diesem Falle ist die Grenze zur Berichterstattung sehr dünn, und wenn man nicht aufpaßt, hat das die Folge, dass in der Erörterung formulierte Gedankenführungen nicht als genau solche erkennen sind: Gedankenführungen (als Gegensatz zu echten Tatsachen).

    Kleines Beispiel, zur Erläterung: wir nehmen folgende Tatsache an: XY hat eine Aussage getätigt. Berichterstattung dazu würde lauten: "XY hat die Aussage getätigt, dass...". Die Aussage in einer Erörterung: "Die Aussage von XY, dass..., mag zunächst fremd anmuten. Allerdings muss insofern XY Recht gegeben werden, dass das Vorhaben AB unter diesen Umständen sehr viel leichter umgesetzt werden könnte." Das Problem: wie steht XY zum Vorhaben AB? Hat sich XY denn dazu geäßert? Hat der XY gesagt, um zu AB was zu vermitteln? Oder ist ihm gar nicht klar, dass die XY-Aussage auf AB angewandt werden kann? Oder hat der Berichterstatter einfach nur die Aussage XY falsch verstanden? Oder vielleicht will XY tatsächlich mit seiner Aussage indirekt auf AB hinaus?

    Das ist eine Gefahr bei der Erörterung: Bemühungen um Objektivität könnten unbeabsichtigter Weise Tatsachen schaffen.

  • oder man bemüht sich gar nicht erst um den Eindruck von Objektivität. Unter diesen Umständen achtet man auch darauf, eine entsprechende Trennung zwischen Tatsachen und weiterführende Gedanken kenntlich zu machen. Die Gefahr dabei ist, dass man im Wesentlichen die Erörterung als Platform versteht, um seine eigene Meinung preiszugeben. Die Gegenposition wird im Grenzfall lediglich deshalb erwäht, um formalen Anforderungen an eine Erörterung zu erfüllen. Um diesem Trend entgegenzuwirken, könnte man künstlicherweise versuchen, die Gegenposition fairerweise ebenfalls zu Wort kommen zu lassen. In Realiter wird das aber so aussehen, dass die Gegenposition einfach schwächer dargestellt werden wird. Und je mehr man sich bemüht, die Gegenposition "trotzdem" vernünftig darzustellen, umso gefährlicher wird das Ganze: denn ab einem gewissen Punkt ist selbst für den geübten Leser nicht mehr ersichtlich, ob eine der beiden Positionen in der Erörterung deswegen unterliegt, weil sie schwächer ist, oder weil der Autor insgeheim (und vielleicht sogar unbeabsichtigt) die andere Position bevorzugt.
Kurzum: eine Erörterung bildet das Bindeglied zwischen einer objektiven, sich tatsächlich ereigneten Tatsache, und der persönlichen Meinung, was man denn von dieser Tatsache nun zu halten habe. Es ist sozusagen er Versuch einer objektiven Meinung, und das ist ein Paradoxon. Es it -- wie bei allen Paradoxa der Fall -- nicht leicht, soetwas gut umzusetzen. Es gibt mit Sicherheit gute Erörterungen, aber (a) nicht jedes Thema taugt dazu, gut erörtert zu werden, und (b) nicht jeder Autor schafft die Gratwanderung. Darüber hinaus ist (c) eine weniger gute Erörterung ein sehr gefährliches Werkzeug, weil es dem Text den Anschein von mehr Objektivität gibt, als eigentlich drin steckt.

Die Meinung ist... eben genau das: eine Meinung. Sie spiegelt die Sichtweise einer Person, i.Allg. des schreibers selbst wider, ohne einen Anspruch auf Richtigkeit, Objektivität oder Allgemeingültigkeit. Klar, möchte ein Mensch für sich genommen ernst genommen werden, wird er eine möglichst differenzierte, gut überlegte... (usw.) Meinung haben, aber das steht auf einem anderen Blatt.

Teil 2: Das Blog

Das Blog hat nur eine Ebene: die Meinung. Gleichgültig, was der Blogger schreibt, und wie er es formuliert: man weiß nicht, wer er ist, und man kennt ebensowenig seine Beweggründe. Dafür weiß man eines umso besser: er hat sich nie selbst die Verpflichtung auferlegt, ehrlich, objektiv und differenziert zu betrachten.

Genau das ist die Stärke eines Blogs: dass man über seine Schwächen a priori Bescheid weiss. Ein Vortäschen einer nicht-vorhandenen Objektivität ist bei einem Blog damit um ein vielfaches Schwieriger, weil jeder um die umstrittene Natur eines Blogs bescheid weiss (oder wissen sollte).

Wie liest man denn nun ein Blog? Genauso wie alles andere auch: Zeile für Zeile. Das Wichtige dabei ist jedoch: man darf ein Blog prinzipiell nicht mit einer Zeitung verwechseln. Man darf auf keinen Fall die Meinung eines Blogs 1:1 Übernehmen, und man darf keinesfalls Tatsachen aus einem Blog ungefiltert in seinem Argumentationsrepertoire aufnehmen. Ein Blogger mag zwar den Ruf genießen, objektiv zu schreiben, das ist aber seine ganz persönliche Angelegenheit. Diesen Ruf muss er sich ersmal verdienen. Die meisten Blogger haben ihn nicht, und wollen ihn auch nicht.

Man muss ein Blog als eine Art Diskussion verstehen: man liest sich den Text durch, denkt sich seinen Teil dazu, bezieht aber im Zweifelsfall dazu innerlich ersmal keine Stellung. Man... nimmt nicht auf, man nimmt wahr. Wenn man möchte, kann man sogar widersprechen: es gibt Foren, Kommentarfunkionen, E-Mails an den Blogger, oder man kann sogar einen Gegeneintrag in seinem eigenen Blog schreiben. Man tut gut daran, wenn man widerspricht, dem ursprünglichen Autor das zuzustecken (z.B. mit einer kurzen Nachricht per Mail, mit nem Link, oder nem Backlog. Erst das verhilft einem Blog zu seiner eigentlichen Stärke: die Entfaltung einer fruchtvollen Diskussion.

Man muss aber nicht.

2009-04-24 12:34 | www-data.blog20090424@rootshell.ro | [/digest/media] | permanent link


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