
|
Looking for the GuiltyA blog.
|
|
lupo's last comments:
1
2
3
4
5
florin's last comments:
1
2
3
4
5
|
Die Mär mit dem Froschauthor: www-data Wie die meisten wissen, habe ich vor nicht allzu langer Zeit (ca. 2 Jahren) mein naturwissenschaftliches Studium abgeschlossen. Und wie die meisten ebenfalls wissen, habe ich Bekannte, Verwandte, Familie etc. zur Zeit in diesem Studium feststecken. Z.B. studiert meine Schwester gerade Chemie in Würzburg, meine Freundin Physik an der TU Berlin und eine ganze Reihe von Freunden von mir Physik quer über die Republik verstreut, oder Medizin, oder oder oder. Bin sozusagen von fast-fertigen Studenten umgeben. Ich habe daher eine ganze Weile darüber nachgedacht, womit man den heutigen Studenten am besten vergleicht. Und gestern kam's mir: mit einem Raketenfrosch! Doch erstmal einige Worte zur Lage der Studenten, wie ich sie aus zweiter Hand erlebe. Was ich an einer ganzen Reihe von diesen Leuten (sorry, keine Namen hier :-) merke, ist was für einen riesigen Unterschied es macht, wo man studiert: während man z.B. in Würzburg einen Arbeitsaufwand von 60-70 Stunden die Woche aufbringen muss, um als durchschnittlich begabter Akademiker nicht von der Uni zu fliegen, kann man sich in an der TU Berlin etwas mehr Zeit lassen. So ist ein BS in Physik z.B. in 4 Jahren oder mehr durchaus so machbar, dass man sich nicht chronisch überlastet. Und ich meine damit nicht etwa "faul sein", sondern unter vertretbarem Aufwand von 30-40 Wochenstunden ein Studium, ein Privatleben, und eventuell die eine oder andere persönliche Entwicklung (die man mit Anfang 20 ja noch macht :-) unter einen Hut bringen. Einen großen Unterschied in der "Härte" des Studiums scheint es zu machen, wie der Bachelor umgesetzt wurde. Es ist schließlich ein offenes Geheimnis, dass das Bachelor/Master-System nicht zuletzt auf Bestreben der Industrie eingeführt wurde: durch künstliche Verknappung der Master-Plätze Bachelor zu einem weltweit vergleichbaren Standard-Abschluss machen, dadurch schlechter qualifizierte, junge Leute schneller ins Arbeitsleben integrieren, ihnen weniger bezahlen, und sie stärker binden. Nochmal, in anderen Worten: Was man dem PhD, der mit Anfang 30 in die Industrie einsteigt, im Beruf noch beibrigen muss, kann man dem Bachelor mit Mitte 20 auch beibringen. Der Unterschied aus Unternehmersicht ist dabei, dass (a) einem BS weniger als einem PhD zahlen muss, und (b), ein BS, der weniger all-round-Wissen hat, stärker an dem Bereich gebunden ist, in dem er seine "Ausbildung" bei Stellenantritt erfahren hat. Die Nachteile, sowohl aus humanistischer als auch aus technischer Sicht liegen ebefalls auf der Hand: der BS verliert eben ein Stück weit Eigenständigkeit, zum einen weil er, sobald er die Arbeitsstelle wechseln will, nichts weiteres als sein mittelmäßiges 3-Jahres-Studium vorzuweisen hat. Als Allround-Talent gilt er dabei mit Sicherheit nicht mehr! Und zum anderen weil er in dem Tempo, in dem er durch's Studium gejagt wird, kaum genügend Zeit für eventuelle weiterführende Interessen hat. (Rhetorische Frage zur Erläuterung: wieviele der Physiker, die das hier jetzt lesen, haben im Laufe ihres Studiums z.B. Mathematik-, oder Philosophie-Zusatzvorlesungen besucht? Tja, das geht im Bachelor-Master-System nicht mehr... keine Zeit!) Aus technischer Sicht steht der Bachelor -- möge er auch noch so gut vom Betrieb für seine erste Arbeitsstelle vorbereitet worden sein -- ebenfalls schlechter dar, weil er auch hier u.U. weniger Weitsicht mitbringt. Man merkt's nur leier nicht unmittelbar. Aber irgendwann soll der Bachelor ja auch mal erwachsen werden (im Betrieb), und dort höhere Positionen einnehmen und Aufgaben erledigen, die ein höheres Abstraktionsniveau erfordern -- vielleicht weiterführende Forschung oder Entwicklung? Wo soll dort das Know-How herkommen? Das Gegenargument der Industrie ist ziemlich oft das "Rakete im Arsch"-Argument ("Rakete im Arsch" ist ein Ausdruck, den ich in Berlin für jemanden gelernt habe, der eine sehr steile Karriere hinlegt). Das läuft in etwa parallel zu "wir können jemanden, der nicht bis Mitte 30 studiert, sondern schon mit Mitte 20 bei uns einsteigt, viel schneller zu einem steileren Aufstieg verhelfen!" Und es ist ein gutes Argument. Ich glaube es sofort, zumindest für diejenigen, die den steilen Aufstieg, allen voran das verhunzte Studium, durchhalten. Das Problem dabei ist: alle weniger belastbaren haben Pech gehabt -- denen ist die "Rakete" sozusagen "im Arsch" explodiert. Die, die dem strammen Tempo nicht gewachsen sind, haben nicht mehr die Wahl, ihre Laufbahn in langsames Tempo durchzuarbeiten. Sie können sich aber gerne irgendwo einen Ausbildungsberuf aussuchen, wie z.B. beim Physik-Studium in Würzburg, wo man nach 3 Semestern exmatrikuliert wird, wenn man seine ECTS-Punkte nicht beisammen hat. Na vielen Dank... Dass die Industrie sich dabei auf zweifacher Weise ins Bein schießen könnte, das wird sie erst später merken. Einerseits nämlich vernichtet sie durch übertriebene Ausbildungsforderungen (viel Stoff in wenig Zeit) die Leistungsfähigkeit der späteren Mitarbeiter. Chronisch überlastete Studenten werden nämlich nicht mehr, sondern weniger belastbar, wenn sie ins Arbeitsleben einsteigen. Der Feuchttraum eines jeden Personalmangers, von bereits "vorselektierten", belastbaren Mitarbeitern, wird spätestens dann platzen, wenn 20-30% der frisch gebackenen Bachelors auf Antidepressiva sind. Und andererseits ist dieses "Experiment", welches die Industrie mit unserem Bildungssystem zu machen scheint, nicht so leicht abzublasen, wie sonstige Risiko-Investitionen in der Industrie! Wenn hier etwas schief läuft, dann kann man das "Projekt" nicht einfach unter "Verlustminimierung" nach 5 Jahren "Abstoßen", sondern man hat für 1-2 Generationen das Ausbilgundssystem eines ganzen Landes schlichtweg verhunzt! Let's face it, die Politik ist im "Abstoßen" von schlechten Ideen nunmal nicht so flink, wie die Industrie... Und nun zum Vergleich mit dem Frosch. Ich stelle mir die heutige Situation folgendermaßen vor: am Boden liegt ein Frosch, mit einer Luftpumpe im Mund. Das ist der Student. Ein Mix aus Staat, Industrie, und alte "früher waren wir alle fleißiger"-Säcke, in Form eines kleinen Jungen, hält den Frosch mit dem Fuß fest und pumpt dabei fleißig. Ziel dabei ist, den am weitesten Fliegenden "Raketenfrosch" zu machen. Dass die Hälfte der Frösche bei dem Vorgang vorzeitig platzt, das ist dem Jungen egal. Kurz kichern, eifrig den nächsten aufpumpen, mal gucken ob er weiter fliegt! ;-)
2010-04-17 08:33 | www-data Older entries |