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Wett oder Bewerb?author: www-data Das Wunderschöne an Meinungen ist, dass sich jeder eine leisten kann. Oder mehrere. Und wie es so kommt, bei einem Blog, der von zwei Personen geprägt wird, gibt es Öffteren auch zwei Meinungen -- oder eben mehrere. Lupo hat in einem wunderschönen Artikel in genau diesem Blog, den Sie gerade lesen, sich neulich gegen die Kontraproduktivität von Wettbewerb und Belohnung ausgelassen. Und während das kleine Männchen auf meiner linken Schulter Lupo's Artikel mit einem gewissen Genuß mitgelesen hat, so konnte ich am Ende doch nicht anders, als dem Männchen auf der anderen Schulter zu gehorchen. Ich werde jetzt daher eine von Lupo's Artikel abweichende Meinung zu dem Thtema kundtun... Die Kernaussage des Artikels läßt sich zusammenfassen mit: "Belohnungen und Wettbewerb funktionieren nicht". Ohne den Sinn des ursprünglichen Artikels zu entstellen, möchte ich diese Aussage in ihre beiden Bestandteile zerlegen um dann auf jede einzeln eingehen. Erste Teilaussage: "Belohnungen funktionieren nicht"Gemeint ist damit im Wesentlichen eine finanzielle Entlohnung als Arbeitsanreiz. Die Aussage ziel offensichtlich auf das allgemein herrschende Mißverständnis, dass man jemanden zu besserer Effektivität treiben kann, wenn man ihn für seine Arbeitsleistung besser belohnt, oder kurz: besser bezahlte Leute arbeiten fleißer. Lupo's Argumente in diesem Zusammenhang scheinen schlüssig. Das Problem dabei ist nur: warum wird man dann trotzdem bezahlt? Warum geht man angesichts dieser Erkenntnis nicht dazu über, die Leute für ihre Arbeitsleistung nicht zu bezahlen, damit sie dann besser arbeiten? Die antwort liegt auf der Hand, aber sie lautet nicht etwa "weil dann keiner mehr arbeiten würde". Die richtige Antwort lautet "weil die Leute dann nicht das arbeiten würden, was ich Ihnen sage". Da liegt sozusagen der Hase im Pfeffer: man arbeitet nicht für sich selbst, sondern für jemand anderen. Oder, gleichermaßen banal wie einfach ausgedrückt: wenn jemand für seine Arbeitsleistung nicht bezahlt wird, dann wird er diese erst dann erbringen, wenn er sua sponte dazu die Motivation findet, und nicht etwa wenn ein Dritter (z.B. der Arbeitgeber) die Notwendigkeit dazu hat. Das ist der Punkt, an dem die Aussage aus Lupo's Artikel relativiert wird: Entlohnung bringt genau dann nichts (oder ist gar kontraproduktiv), wenn ohne die Entlohnung ohnehin ein schöpferischer Beweggrund existieren würde. Existieret aber kein weiterer Beweggrund außerhalb einer Entlohnung, so wird das Versprechen einer Bezahlung durchaus einen (wenn auch möchlicherweise verminderten) Arbeitsanreiz schaffen. Oder kurz: wenn auch nicht unbedingt besser, so wird die Arbeit überhaupt geleistet, wenn jemandem dafür Geld angeboten wird. Für denjenigen, der bezahlt wird... nun, wenn man davon ausgeht, dass er selbst deshalb arbeitet, weil Geld braucht (z.B. um seinen Lebensunterhalt zu sichern), so darf man durchaus mit dem Gedanken liebäugeln, eher den Begriff "Erpressung" als "Belohnung" zu benutzen. Aber selbst dann: Erpressung ist -- wertneutral ausgedrückt -- auch eine Form der Motivation ;-) Zweite Teilaussage: "Wettbewerb funktioniert nicht"Kurze Antwort darauf: für mich schon. Die obige Aussage mag provokativ klingen... Ich habe lange darüber nachgedacht, aber schärfer und näher an der Wahrheit kann ich meinen Punkt nicht formulieren, und ich bleibe dabei: Wettbewerb funktioniert für mich sehr gut. Aber dennoch muss ich aus naher Erfahrung bestätigen: Wettbewerb funktioniert nicht für jeden. Das wirft unmittelbar die Frage auf: für wen, bzw. wann funktioniert Wettbewerb, und wann nicht? Mein Vater war Sportl-Kegler. (Ja, das gibt's. Nein, das hat nichts mit Alkohol zu tun, welches man von lustigen Spaß-Kegelabenden kennt. Soviel dazu -- ich möchte jetzt keine Debatte darüber eingehen, inwiefern Kegeln ein ernstzunehmender Sport ist oder nicht. Kegeln ist ein ernstzunehmender Sport, mit einem eigenen Verband mit cca. 171.000 Mitgliedern deutschlandweit, und vielleicht so einer halben Million Sportler weltweit. Wer noch nie was davon gehört hat, soll man danach googlen). Er war in dieser eher als "Randsport" einzustufenden Disziplin mehr als 20 Jahre lang an der Weltspitze. Über ihn hatte ich Gelegenheit, eine Handvoll Leute in ähnlicher Lage kennenzulernen. Ich habe Menschen erlebt, die unter dem Druck des sportlichen Wettbewerbs Höchstleistungen vollbracht haben -- und zwar solche, welche ich sie ohne den Druck nicht vollbringen sah. Darüber hinaus habe ich selbst etwa 10 Jahre lang gekegelt. Ich hatte die Gelegenheit in meiner Jungend- und Juniorenzeit vier Weltmeisterschaften als rumänischer Nationalspieler mitzumachen. Irgendwann (vor einigen Jahren) habe ich aus einer Reihe von Gründen (die hier nichts zur Sache tun) mit dem Kegeln aufgehört. Warum erzähle ich das alles? Ganz einfach: ich habe festgestellt, dass es der Wettbewerbsaspekt des Kegelns ist, der mir am meisten fehlt. Zwar treibe ich immernoch sport, aber im Wesentlichen ist es jetzt ohne den Wettbewerb. Und dieser fehlt mir unheimlich. Und das ist genau der Punkt dieser anekdotischen Beweisführung: Wettbewerb kann durchaus eine Menge bringen. Die Voraussetzung dafür ist, dass man den Wettbewerb selbst sucht. Es spielt -- zumindest spielte es bei mir -- durchaus eine Rolle, ob man in der jeweiligen Disziplin erfolgreich ist oder nicht. Man muss nicht jedes mal gewinnen, aber man muss zumindest die Aussicht auf Erfolg haben, und eine realistische Chance, beim im Sport so viel zitierten "nächsten Mal" besser abzuschneiden als zuletzt. Unterm Strich vertrete ich zusammenfassend die Meinung: Wettbewerb bringt etwas, solange der Mensch die freie Wahl hat, sich auf diesen Wettbewerb einzulassen oder auch nicht. Dagegen kann Wettbewerb hemmed wirken, wenn einem der Wettbewerb zwangsweise aufgedrückt wird, wie z.B. im Berufsleben oft der Fall. Es ist numal so, dass manche Leute unter Druck zur Höchstform auflaufen, während andere am besten Arbeiten, wenn sie frei und unbeschwert sind. Einem Menschen einen zu großen Erfolgsdruck auf die Schultern zu lasten wird ihn daher nicht unbedingt besser machen, und ihn schon gar nicht motivieren, sondern eher frustrieren. Dabei ist es aber nicht der Wettbewerb an sich, der nichts bringt, sondern den Zwang zum Wettbewerb.
2009-02-27 22:57 | www-data Older entries |